In den letzten Monaten habe ich im Amtsblatt von Olbernhau sehr alte und historisch wertvolle Gebäude der Gemeinde Dörnthal vorgestellt. Mit dem sogenannten „Uhrmacherhaus“ Nr.75 schräg gegenüber der Arztpraxis möchte ich die Serie abschließen.

Dieses Fachwerkhaus wurde 1767 durch den Leineweber Johann Friedrich Döhnel erbaut und blieb bis zum Jahr 1937 im Besitz der Familie. Vor einigen Jahren hat eine Familie aus den Niederlanden das Gebäude gekauft. Die Döhnels waren zu allen Zeiten sehr angesehene Leute im Ort und zeichneten sich durch eine für das damalige Bauerndorf nicht übliche höhere Bildung aus, die vorwiegend in der Familie selbst vermittelt wurde.

Sie waren über Generationen als Armenkassenverwalter und Gerichtsschöppen im Ort aktiv und übten Berufe wie Tischler, Instrumentenbauer, Leineweber und Uhrmacher aus. Nebenbei wurde meistens noch Landwirtschaft betrieben.

Der 1769 geborene Carl Friedrich Döhnel war in ganz Sachsen durch seine Herstellung von filigranen und künstlerischen Holzräderwanduhren bekannt. In dieser Zeit wünschten sich die Bauern und Häusler einen Zeitmesser, der einfach zu verstehen ist und nicht viel kostet. Das Ausgangsmaterial Holz war bei uns überall vorhanden. Als zusätzliches Material wurde Horn, Bein oder Metall verwendet. Die bis dahin existierenden Räderuhren hatten zwei große Nachteile: das Ausbrechen der Zähne an den Zahnrädern und die ungenaue Zeitangabe. Carl Friedrich Döhnel befasste sich akribisch mit diesem Handwerk und erkannte, dass die richtige Auswahl der Bäume, der Zeitpunkt der Fällung und die entsprechende Behandlung des Holzes entscheidend für die Qualität der Räderuhren war. So benutzte er für die Zahnräder und das Gehäuse Hartholz von Buche und Birnbaum. Seine halbhölzernen Wanduhren hatten ein Zifferblatt mit halbkreisförmigen Giebel, Holzrahmen und Hinterglasmalerei. Neben dem Stunden- und Minutenzeiger gab diese Uhr auch noch Sekunden, Mondphase, Wochentag und Datum an. Solch komplizierte und außergewöhnliche Uhren konnten nur von außergewöhnlichen Uhrmachern mit umfangreichen mathematischen und astronomischen Kenntnissen gefertigt werden. Diese Art konnte man nicht mit den einfachen Holzräderuhren vor 1800 in den Bauernstuben vergleichen.

Döhnel besuchte laut Niederschriften auch regelmäßig die Leipziger Messe und reparierte auf Hin- und Rückweg laut Auftragsbuch in vielen Städten und Dörfern Sachsens die Uhren seiner Kunden. Da Döhnel zu Fuß ging, war er laut eigenen Angaben oft einen Monat unterwegs. Seit 1819 zierte eine Sonnenuhr sein altes Fachwerkhaus. Er hat sie selbst berechnet und angebracht.

Sein Sohn August Friedrich Döhnel setzte das Werk seines Vaters als Uhrmacher und Tischler fort. Außerdem hinterließ er uns schriftliche Einblicke in die Familien- und Ortsgeschichte. So schrieb er auch auf, wie die Taufe seiner Enkelin im Jahre 1853 verlief. Wir können annehmen, dass sie so oder ähnlich für einen Häuslerhaushalt üblich war. Von der Familie wurden drei Paten gewonnen, die man im damals schwülstigen Stil zur Taufe und zum Nachmittagskaffee eingeladen hatte.

Es gab im Dorf bis zu drei Personen, unter ihnen der Lehrer, die für die nicht so schreibkundigen Taufeltern die Einladungen verfassten. Deswegen glichen sie sich wohl alle sehr. Zur Illustration die Anrede aus einem vorliegenden Patenbrief von 1852, wohlgemerkt nicht an einen adligen Herrn, sondern an einen gut bekannten Sohn einfacher Eltern, mit dem man per Du war: „Dem Wohledlen und Wertgeschätzten Junggesellen Carl Gottlob Schubert, Carl Gottlieb Schuberts Auszüglers und Handarbeiters allhier ehelich jüngster Sohn. Meinem wertgeschätzten Freunde und künftigen Gevatter.“ Die Paten ihrerseits benutzten in der Regel gedruckt vorliegende hübsch gestaltete Patenbriefchen, in die nur der Name eingesetzt werden musste. Diese Briefchen wurden mit einer Geldspende versehen „eingebunden“, das heißt in das Steckbettchen des Täuflings gesteckt.

Bei Döhnels gab es zur Tauffeier „Kaffee und Semmel, Butter, Käs, Brod, auch etwas Brandwein.“ Bei einem Bauern mag das Angebot etwas reichlicher gewesen sein, aber auch bei ihm stand der Taufakt in der Kirche und nicht die Feier zu Hause im Mittelpunkt. Das ehrwürdige alte Fachwerkhaus befindet sich auch heute noch im guten Zustand und könnte bei entsprechender Nachforschung weitere interessante Geschichten an den Tag bringen.

K. Jablinski, Ortschronist von Dörnthal